Montag, 1. Mai 2017

Tag der Befreiung



Heute ist der 1. Mai. Die Prägung sitzt tief und so bekommt dieser Tag bei mir stets ein Anhängsel: „Internationaler Kampf- und Feiertag der Arbeiter und Bauern“; genauso, wie der 8. Mai der „Tag der Befreiung“ ist. Vermutlich übernahm ich diese Betitelungen bereits im Mutterleib und lebte sie dann aus ganzem Herzen. Sie klangen für mich nach Frieden und der Zuversicht, dass es bald allen Menschen vergönnt ist, in Frieden und ohne Hunger oder andere Not leben zu können. Das sehnte ich mir herbei und war schon als Kind bereit, gegen das Böse zu kämpfen, wie immer es auch aussehen mochte. In den Märchen waren es habgierige Wesen wie Könige, Teufel, Hexen oder Drachen. In meinem Leben hießen diese Wesen Kapitalisten, Imperialisten, Kriegstreiber. Aber auch die Waffen gehörten für mich zum Bösen. Mit diesem denken kam ich jedoch in Konflikt mit der angewiesenen Meinung. Das passierte zum ersten Mal, als ich während meiner Ausbildung zur Kinderkrankenschwester sah, wie die kleinen kranken Jungs in ihren Betten mit Pistolen oder panzern spielten. Bei einer Parteiversammlung fragte ich nach, warum wir denn in unserem Land solcher Art Kriegsspielzeug herstellten. Ein ernster Blick traf mich, darauf wurde mir aber noch milde geantwortet, weil ich ja noch so jung sei und nicht wissen könne, dass wir keine Pazifisten wären. „Noch müssen wir den Frieden und unser Land mit der Waffe in der Hand verteidigen.“ Tja, zufrieden war ich mit der Antwort nicht. Meinen Söhnen kaufte ich derlei Spielzeug nicht, konnte aber gegen die Stöcke aus dem Wald nichts tun. Als Kindergärtnerin in einem kleinen Dorf entsorgte ich nach und nach das Armeespielzeug, obwohl es zur „normalen“ vorgeschriebenen Ausstattung gehörte. Ich versuchte den Kindern ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie es ist, totgeschossen zu werden. Ihr Drang nach „Schießen“ war stärker, sie „schossen“ mit Stöcken „nur“ auf Tiere.
Als dann die Mauer brach, erlaubte ich meinem Ältesten für 10,- DM etwas zu kaufen, was er sich ganz allein aussuchen konnte. Stolz zeigte er mir einen Trommelrevolver mit Zündplättchen. Der lag dann viele Jahre in seiner Schreibtischschublade. Ich weiß nicht, ob er gar heute noch existiert.
Mein Sohn und ich sind den Kampfkünsten zugetan, praktizieren sie. Bin ich nun meiner pazifistischen Grundhaltung untreu geworden? Für mich ist meine Ausbildung zum Aikidoka (auch mit Schwert und Stock), keine Ausbildung zur Mörderin. Im Gegenteil, sie macht mich friedfertiger, als ich es früher war, denn ich erkenne immer deutlicher, dass der eigentliche Feind in mir selbst steckt. Er nörgelt, meckert, wütet mit den Menschen um mich herum oder auch mit mir – je nach Laune. Diesen inneren Bösewicht werde ich eines Tages gänzlich überwunden haben. Und wer weiß  vielleicht ist das dann mein eigener Tag der Befreiung.

Freitag, 28. April 2017

Die eigne Melodie



Heute höre ich den Sprosser zum ersten Mal in diesem Jahr deutlich. Vermutlich ist er schon einige Tage hier, doch ich war mir nicht sicher, ob ich seinen Gesang hörte oder den der Singdrossel. Vermutlich braucht auch er eine gewisse Betriebstemperatur, um seine eigenen Melodien zu finden.

Ich hätte auch gern endlich meine ureigenste innere Melodie gefunden, die ich dann ohne Scheu ins Außen trage. Immerhin bin ich schon so weit gekommen zu wissen, dass es sie gibt und manches Mal höre ich einige Sequenzen im Untergrund. Doch wenn ich sie mit Macht nach draußen schmettern will, kommen Misstöne hinzu. Dann klingt meine schöne, sanfte Melodie nach Trotz und Urteil, wird zum Angriffston schlecht gespielter Fanfaren. Flink stelle ich diese Musik ab, um erst einmal wieder nach innen zu gehen, ihr besser zuzuhören, mich von ihr leiten zu lassen, damit sie stärker werden kann ohne Krampf und Muss. Vertrauen darauf, dass sie weiß, wann es Zeit ist, sie nach außen zu bringen. Geduld gehört dazu, eine Geduld, die jenseits dieser Welt liegt, denn sie nennt sich mit vollem Namen „unendliche Geduld“. Hier, in meiner Welt aus Plus und Minus, aus Fertig werden müssen und Leistung zeigen, gibt es nichts Unendliches. Alles ist endlich und hoffentlich endlich schnell erledigt. Jedoch in mir erzählt etwas von einer anderen Welt, die mehr Substanz besitzt, weil sie nichts mit Materie zu tun hat. Hier ist das Unendliche zu Haus und von hier aus entwickelt sich meine Melodie. Sie macht mich frei von Muss und Soll, befriedet mich.

Danke, kleiner Sprosser, dass du mich an sie erinnert hast.